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Offtopic: Klarnamenzwang

Mit großem Interesse verfolge ich aktuell die Diskussionen über den Klarnamenzwang. Im großen Stile hervorgerufen durch den Klarnamenzwang bei Google+ und den damit verbundenen Sperren einzelner User-Accounts.

Ich persönlich bin ein großer Verfechter von Klarnamen in sozialen Netzwerken. Meine Meinung hierzu: Das Internet ist keine andere Welt, die parallel abgetrennt von der realen Welt exisiert. Das Internet IST die reale Welt, es ist lediglich ein anderes Kommunikationsmittel neben TV, Radio, Telefon oder Brief. Insofern sollte sich jeder damit beschäftigen, wie er hier auftritt, was er von sich lässt und wir er sich präsentiert.

Es ist inzwischen einhellig bekannt, dass auch Arbeitgeber auf facebook Seiten nach Bewerbern schauen. Ein gutes Beispiel: Heute zeigt man seine halbnackten Urlaubsfotos dem gesamten Internet (der gesamten Welt), wenn man seine Privatsphäre nicht eingrenzt. Damals haben wir nicht unsere ganzen (entwickelten) Urlaubsbilder an alle Litfaßsäulen in der Stadt gepinnt.
Meiner Meinung nach fehlt hier die Aufklärung, was man in sozialen Netzwerken zeigt und dass die Daten auf sämtlichen Servern in Form von Backups gespeichert werden. Man bekommt die Daten im Internet relativ schwer wieder entfernt.

Trotzdem ist das Auftreten im Internet das gleiche wie am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Warum sollte ich also einen Fantasienamen verwenden? Bin ich im Internet ein Superheld? Fliehe ich aus der Realität oder verliere ich den Bezug dazu?

Genauso könnte man aber andersherum fragen: Würde ich unter meinem realen Namen offen und ehrlich meine Meinung aussprechen? Speziell wenn ich zu einer Grupee gehöre, die diskriminiert wird? Nehmen wir einmal Homosexuelle oder Behinderte? Wie ist es für Frauen, die Angst vor Stalkern haben?
Oder geht man dem aus dem Weg, indem man einen Klarnamenzwang, ggf. sogar nach Legitimation des Accounts, erwirkt?

Eine weitere Frage lautet: Muss das Aufgabe der Regierung sein und gilt das dann international oder “dürfen” Organisationen wie bspw. Google so etwas erwirken?

Ich denke, wir leben in einer anderen Zeit als noch vor 30 Jahren und ich spreche mich für einen Klarnamenzwang mit Legitimation aus, gefördert durch die Unternehmen, die die Services anbieten und international agieren. Nur so könnte man Kriminalität im Internet eingrenzen. Aber das ist lediglich meine persönliche Meinung, die nicht sonderlich fundiert, vielleicht sogar naiv ist. Wie denkt ihr über das Thema, das extrem kontrovers diskutiert wird?

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9 Kommentare

  • Marc

    hi marcel. gerne würde ich das thema mit dir diskutieren, aber mir wird leider nicht ganz klar, was ein “klarnamenzwang nach legitimation des accounts” meint. vielleicht kannst du dazu ein paar worte verlieren.

    ansonsten bin ich der meinung, dass ich eben doch nicht immer der selbe bin. ich bin an der arbeit jemand anderes als am wochenende auf einem punkrock konzert. ich folge an diesen orten dann nämlich anderen sozialen regeln. das heißt keineswegs, dass ich mich wie ein idiot verhalte, aber das auftreten ist ein anderes. ich sage freunden dinge über meinen chef, die ich ihm nicht ins gesicht sagen würde – dabei betreibe ich psychohygiene. und dies alleine sollten ausreichend gründe sein. abgesehen davon, dass sich bestimmte politische entwicklungen (arabischer frühling) unter klarnamenzwang so wohl nicht ergeben hätten.

    danah boyd hat dazu einen schönen rant auf ihrem blog, in dem sie schön erklärt, warum klarnamenzwang einen machtmissbrauch darstellt. (http://www.zephoria.org/thoughts/archives/2011/08/04/real-names.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+zephoria%2Fthoughts+%28apophenia%29)

    vielleicht kannst du ja zu den argumenten was sagen und auch deine pro-klarnamen argumente versuchen deutlicher zu machen?

    viele grüße

  • Marcel

    “klarnamenzwang nach legitimation des accounts”: Damit meinte ich z.B. eine Legitimation durch das PostIdent Verfahren. Allerdings beschränkt sich das wohl nur auf Deutschland nehme ich an. Insofern ist das international nicht durchsetzbar. Das wird eh schwer bei Staaten, die das Internet entweder so gut wie gar nicht regulieren oder eben super streng.
    Ohne Legitimation ist ein “Klarnamenzwang” aber auch recht unsinnig. Ich kann mich zwar nicht Bugs Bunny nennen, aber Helmut Schmidt würde gehen, auch wenn ich nicht so heiße.

    Die Argumente, die gegen einen Klarnamenzwang sprechen, sind meistens individuelle Einstellungen oder Diskriminierungen, die man sehr gut mit unterschiedlichen “Freundesgruppen” teilen und eingrenzen kann.

    Google+ macht dort ein gutes Beispiel mit den Circles. Du z.B. könntest einen Circle haben mit Arbeitskollegen, einen mit engen Freunden, einen mit Punk-Gleichgesinnten. So kannst du mit den versch. Leuten auch versch. Themen besprechen und dich, ganz wie im realen Leben auch, bei den untersch. Leuten entsprechend verhalten und zeigen.

    Das Ganze aber unter deinem realen Namen. Ich denke nicht, dass so etwas dann Rechte oder Freiheiten beschneidet oder ganze Revolutionen verhindert.
    Wurde die arabische Revolution durch facebook kommuniziert? Gibt es hier nicht noch ganz andere Wege und Foren, in denen solche Themen besprochen werden?
    Kann ich in den “offiziellen” facebook und google+ Profilen mich nicht so zeigen, wie ich es möchte, für den, für den ich es möchte? Muss ich hier unbedingt einen Fantasienamen verwenden?

  • Marc

    ich denke, dass eine legitimation schon unglaublich schwer wird, die gründe nennst du ja auch.

    ich denke, dass google+ mit den circles etwas sehr gutes geschaffen hat, um mit demselben account unterschiedliche gruppen zu bedienen. ich denke, da sind wir soweit einer meinung. ich sehe auch kein großes problem darin, dass ich dies unter meinem klarnamen mache. aber vielleicht gehöre ich in diesem bereich eben zu den privilegierten?

    es gibt andere foren und netztreffpunkte, wo ich nicht unter meinem klarnamen auftauchen möchte (zumindest nicht unmittelbar, der betreiber hat sogar meine postadresse und kennt somit meine offiziellen daten). dies liegt daran, dass die diskussionen die ich dort führe z.b. nicht für jeden etwas ist bzw. diesen humor und diese bereiche nicht in circles eingeteilt sind. diese daten sind offen zugänglich. ich kann nicht entscheiden, wer sie sieht und kann dann auch keine hilfe bei der “interpretation” und dem “kontext” bieten.

    ich sehe persönlich den klarnamen als relativ problemlos zu nutzen an, da ich nicht hinter jeder ecke gefahr lauern sehe. aber ich stelle mich auch im rl nicht jedem gleich mit vollem namen vor. z.t. genügt der vorname oder der nachname. ich gebe nämlich immer etwas damit preis. und das will ich vielleicht nicht. und diese entscheidung über meine datenpreisgabe sollte ich treffen dürfen.

    zu den revolutionen: diese sind nicht allein im netz entstanden. aber es ist ein unterschied, ob daten sofort die person identifizierbar machen oder eben nur mittels bestimmter anstrengungen. ich habe zum beispiel ein problem damit, dass blackberry nun daten der nutzer rausgibt (http://www.golem.de/1108/85578.html).

    und hier vielleicht die von unschuldigen? nämlich leute, die zwar nachrichten versenden, aber selbst keine kriminellen handlungen vollziehen? oder die von leuten, die die nachrichten bekommen? z.b. fotografen, die das ganze dokumentieren? oder menschen die live berichten und “unrichtige” nachrichten weitergeben?

    ich denke, dass die entscheidung einem selbst überlassen bleiben sollte. gäbe es einen grund, dass du meinen zunamen hier blog bräuchtest, während wir diskutieren? auf ner party hätte ich mich vermutlich auch nur mit vornamen vorgestellt.

  • Marcel

    Dein Statement finde ich sehr gut, auch mit der Differenzierung zu Blogs und Foren. Das sehe ich genauso wie du, hier sehe ich keinen Klarnamenzwang.
    Und die Unterteilung in Vornamen und Nachnamen und auch hier die untersch. Freigabemöglichkeiten fände ich eine sehr smarte Sache!! Das sollte man mal an Google melden. So könnte ich dem Fotografenkreis meinen Vornamen freigeben, das reicht ja aus. Enge Freunde können gerne alle Daten (Vorname und Nachname inkl. Anschrift) sehen. Das wäre mal echt gut! Aber so weit ist selbst Google noch nicht.

  • Marcel

    Haha, auch sehr schöner Beitrag. Tja, so schnell läuft die Welt inzwischen. Ich finde das Aufschreien auch echt naiv aber interessant. Es gibt viele unterschiedliche Ansichten und Ansätze. Ich habe den Artikel auch eher auf den Klarnamenzwang von Google+ aufgenommen und finde es bei so großen (offiziellen?) Portalen einen guten Ansatz.

  • Marc

    ich glaube, dass wir garnicht so weit auseinander liegen. und warum nicht auch ein pseudonmy eben zulassen. manche leute (das tauchte ja in der google+ diskussion auch auf) sind eben unter ihrem synonym wesentlich bekannter als unter ihrem klarnamen.

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